Von Büchern, Heimweh und Katzen

Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, dass ganz normaler Alltag an diesem Frühlingstag herrscht. Hinter dem Haus, in dem die Gemeindeverwaltung beheimatet ist, geht es ein paar Stufen hoch. Hier ist die Bücherstube zu finden. Die Eingangstür und Fenster sind an diesem Nachmittag weit geöffnet. Nachbars Katze hat es sich auf dem Fensterbrett im warmen Sonnenlicht bequem gemacht. Undine Kotow kennt das Ritual und hat schon vorsorglich ein Kissen auf den Sims bereitgelegt. Nur ein paar Schritte entfernt steht ein orangefarbenes Körbchen, prall gefüllt mit Büchern. Eine Bibliotheksnutzerin hat sich diese Literatur gewünscht, kann aber selbst nicht vorbeikommen, um sie abzuholen. Für Undine Kotow kein Problem. Wenn sich die Türen der Bücherstube am Abend geschlossen haben, wird die 57-Jährige auf dem Nachhauseweg einen kleinen Umweg machen und die Wunschliteratur kontaktlos an der Tür übergeben.

Heimweh nach der Lausitz

Undine Kotow weiß nicht mehr, wann genau sie damals die Entscheidung getroffen hatte, das Ehrenamt in der Bücherstube zu übernehmen. Es könnte 2014 gewesen sein. Oder sogar noch ein bisschen früher. »Aber das ist nicht wichtig. Ich mache das gern. Daran hat sich bis heute nichts geändert«, meint die gebürtige Laubuscherin die es in jungen Jahren aus Deutschland fortzog. 1984 heiratete sie ihren Mann Andrej in seiner russischen Heimatregion. Lebensmittelkarten und negative, wirtschaftliche Entwicklungen – die damaligen Zeiten waren in der Sowjetunion nicht gerade rosig. Dennoch fühlte sich die junge Familie in ihrer Wahlheimat Wolgograd sehr wohl. Es waren die einfachen Dinge, das gegenseitige Miteinander und die besondere, gesellschaftliche Fürsorge für Kinder die Undine Kotow und ihr Mann zu schätzen wussten.

Und dennoch wuchs bei der jungen Mutter mit jedem Tag das Heimweh nach Hause. In jenen Zeiten, als in Deutschland das politische Ereignis schlechthin passierte, das nahezu alles veränderte, bezog Familie Kotow eine spontan frei gewordene Wohnung im WK 8. Und während viele Menschen es vorzogen, dem Osten den Rücken zu kehren, ging für die jungen Heimkehrer ein Traum in Erfüllung. Ende der 90er Jahre zog die Familie nach Schwarzkollm.

Irgendwann, als die Krabatmühle immer mehr Gestalt annahm, übernahm Undine Kotow das Backen von Plinsen, organisierte Führungen, engagiert sich im Chor Schwarzkollm und öffnet seit ein paar Jahren auch jeden Dienstag von 15 bis 18 Uhr die Bücherstube. Viele Nutzer aus dem hiesigen Dorf, aber auch aus Laubusch und Lauta können aus mehr als 3.000 Medien wie Bücher, Gesellschaftsspielen und elektronischen Medien auswählen.

Der 57-Jährigen liegt die Medienecke mit Regionalliteratur ganz besonders am Herzen. Hier sind auch Dokumentationen, die Beschreibung und Historie sorbischer Traditionen und Sagen aus der Lausitz zu finden.

Der Nachmittag neigt sich dem Ende entgegen. So wie jeden Tag. Nachbars Katze ist auch schon nach Hause gegangen. Undine Kotow muss vor der Schließung die entliehene Literatur noch in die jeweilige Karteikarte eintragen. Hier wird nämlich alles noch mit der Hand, Stift und Papier gemacht. Gelegentlich erledigt sie auch kleine, anfallende Handwerksarbeiten selbst oder sie bekommt von Dorfbewohnern Hilfe.

Vertretung für den Notfall gesucht

Undine Kotow würde sich freuen, wenn sich für sie eine Vertretung in der Bücherstube finden würde. Für den Notfall. Sei es bei Krankheit oder wenn sie dienstags in der Krabatmühle oder beim Chor Schwarzkollm gebraucht werde. Wenn die Normalität wieder zurückgekehrt ist.

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